Beitrag in der WUFF April-Ausgabe 2005 - Thema die "Alpha-Diskussion"

Hunde differenzieren zwischen Menschen und Artgenossen

meint Andrea Eder,  Hundeschule LUCKY DOGS www.lucky-dogs.at

Andrea Eder von der Hundeschule "Lucky Dogs": Moderne Hundeerziehung  - ohne aggressive Demonstrationen  von "Alphastatus" und „Dominanz“! -  bedeutet  nicht, dem Hund keine Regeln und Grenzen zu setzen, sondern diese ohne körperliche Gewalt konsequent durchzusetzen!

 

Aufgrund meiner persönlichen Erfahrungen und Kenntnisse  muss ich es prinzipiell in Frage stellen, ob Hunde uns Menschen in „ihre“ Rangordnung wirklich mit einbeziehen. Sie sind nämlich sehr wohl in der Lage, gut zwischen Artgenossen und Menschen zu differenzieren – schon alleine bei der Kommunikation gibt es ja bekanntermaßen große Unterschiede. Hunde können außerdem besser riechen, besser hören und viel schneller laufen – das sind normalerweise auch wichtige Aspekte, die einen guten  Rudelführer innerhalb eines „richtigen“ Rudels mit Artgenossen ausmacht. Auch dürfte man unter Berücksichtigung der Alphastellung seinen Rüden niemals als Deckrüden einsetzen und seine Hündin nicht decken lassen – das würde ja sonst automatisch die Zuerkennung eines "Alphastatus" bedeuten! 

Wenn wir das Rudelverhalten der Wölfe inklusive Rangordnung und Alphastellung also 1:1 auf das Zusammenleben mit unseren Hunden übertragen, dann wären wir Menschen in vielen Dingen dem Hund weitaus unterlegen! Lediglich seine Abhängigkeit uns gegenüber, weil wir ihm seine Nahrung geben, wäre ein Punkt, was uns über ihn stellt. Also ist für mich die Sache mit der Alphastellung nicht so banal und eindeutig auszulegen, wie dies viele Hundeführer und (leider auch) Trainer immer noch tun.

Dem Hund seinen Rang innerhalb der Familie zuweisen bedeutet für mich persönlich nichts anderes, als dass der Hund lernt,  die von uns aufgestellten Regeln zu befolgen. Diese Regeln sollen klar verständlich sein und von allen Familienmitgliedern konsequent und ohne sinnlose Gewalt! - durchgesetzt werden können. Aus persönlicher Erfahrung kann ich absolut bestätigen, dass dies tadellos funktioniert. Auch bei meinem (Deck) Rüden, der eine starke Persönlichkeit hat und mit dem ich trotzdem kein einziges Mal auch nur annähernd ein "Dominanzproblem" hatte! So gebe ich meinen Hunden z. B. auch gewisse Privilegien, die ich aber jederzeit wieder rückfordern kann – ohne dabei körperliche Gewalt anzuwenden oder den Hund irgendwie mit Leckerchen "bestechen" oder "überreden" zu müssen. Die Hunde akzeptieren mich – ohne dass ich sie ständig "dominiere" oder "den bösen Alpha" mimen muss.

Jeder, der sich intensiver mit Verhaltensbiologie, Körpersprache und Lernfähigkeit von Hunden beschäftigt, MUSS meiner Meinung nach automatisch die Schlussfolgerung ziehen, dass der übertriebene "Alphakult" und aggressive "Dominanz" (und somit auch veraltete Methoden wie lautes Anbrüllen, Leinenruck, Nackenschütteln, auf den Rücken werfen, Würgehalsbänder, Schläge, etc.) total absurd und absolut kontraproduktiv sind! Autorität und Dominanz stellt man nicht durch aggressives Verhalten, Anbrüllen oder gar körperliche Strafen her,  sondern durch Konsequenz, Einfühlungsvermögen, Respekt, Zuverlässigkeit, Fürsorge und Zuneigung – sowie dadurch, dass wir uns unserem Hund gegenüber souverän und vertrauenswürdig verhalten.

Unser Hund sollte keine willenlose Marionette, sondern ein respektiertes Mitglied unserer Familie sein, dem wir durchaus erlauben sollten, einen eigenen Charakter auszubilden – und dem wir trotzdem konsequent die nötigen Grenzen setzen. Dazu ist es aber nötig, sich über das Wesen und die Bedürfnisse seines Hundes zu informieren (moderne Fachliteratur, gute Hundeschule, etc.) und dieses erforderliche Grundwissen dann in der Erziehung und im Umgang mit dem Hund umzusetzen.Moderne Hundeerziehung  - ohne aggressive Demonstrationen  von "Alphastatus" und „Dominanz“! -  bedeutet also nicht, dem Hund keine Regeln und Grenzen zu setzen, sondern diese ohne körperliche Gewalt konsequent durchzusetzen!

In diesem Sinne wünsche ich jedem Hund, dass er das nötige Verständnis und einen angemessenen Platz in seiner Familie erhält, sowie dass er als das akzeptiert und behandelt wird, was er ist: als HUND – nicht mehr und nicht weniger!